Mit Tempo 300 auf Flughöhe Null

Tag und Nacht sind sie unterwegs: in 300 Stundenkilometer schnellen ICE-Zügen, im Intercity oder Regionalexpress, in Güterzügen oder bei Rangierfahrten. Und sie reden nur selten vom Wetter: 22 000 Lokomotivführer ICE Simulator der Deutschan Bahn sorgen dafür, dass täglich 4,6 Millionen Menschen sicher ans Ziel kommen oder Waren pünktlich am Bestimmungsort sind. Lokomotivführer ist ein Beruf mit Stress, aber auch mit großem technischem Reiz, der das Herz vieler Menschen jeden Alters höher schlagen lässt. High Tech ist heutzutage überall angesagt, nicht nur bei den pfeilschnellen Hochgeschwindigkeitszügen – auch dort, wo Lokführer ausgebildet und trainiert werden – an den bundesweit 17 hochmodernen Fahrsimulatoren der Deutschen Bahn AG.

Lokführer Dirk S. (49) ist heute etwas angespannter als sonst: natürlich kennt er sich im Führerstand des ICE der Baureihe 401 bestens aus und findet jeden Schalter selbst mit geschlossenen Augen sofort. Er übernimmt den Zug aufgerüstet von einem Kollegen und meldet sich mit seiner Zugnummer bei der Fahrdienstleitung an. Zwei gelbe Leuchtmelder fangen an zu blinken und signalisieren dem Lokführer dass der Zugchef vom ICE den Schließvorgang der Türen eingeleitet hat. Das Ausfahrtsignal zeigt bereits grün-gelbes Licht und das Zusatzsignal ZP9 leuchtet grün auf. Lokführer Dirk S. verriegelt die Türen, löst die Bremsen und schiebt den Fahrschalter auf die mittlere Position. Langsam aber doch kraftvoll setzt sich der aus 12 Wagen bestehende Zug in Bewegung. Nach einigen Kilometern auf freier Strecke kann nun kontinuierlich die Zuggeschwindigkeit erhöht werden. Die Kabine vom ICE schwingt sanft und jedes überfahren von Weichen ist deutlich zu spüren. Im Grunde läuft alles wie immer nach Plan. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt an, dass er pünktlich unterwegs ist.

Lokführer Dirk S. sieht in der Ferne einen Güterzug auf dem Nebengleis auf sich zukommen. Automatisch will er fast die Hand zum Gruß des Lokführerkollegen heben doch im letzten Moment fällt ihm ein, dass dies heute nicht erforderlich ist! Kurz vorm Ende der Vorbeifahrt, bemerkt Dirk S. dass aus einem der Güterwagen Rauch quillt. Sofort greift er zum Hörer des Zugfunkgerätes und meldet die Beobachtung dem Fahrdienstleiter. Nach 20 Kilometer Fahrt kommt der ICE vor einem Halt zeigenden Signal zum Stehen. Lokführer Dirk S. meldet sich bei der Fahrdienstleitung und teilt mit, dass er beim Bahnstrecken-Kilometer 159,6 vor einem roten Signal steht. Von der Fahrdienstleitung erfährt unser Lokführer, dass hier eine Signalstörung vorliegt. In diesem Fall muss ein schriftlicher Befehl erstellt werden. Gemeinsam mit dem Fahrdienstleiter am anderen Ende der Funkverbindung wird der Befehl ausgefüllt. Nachdem der Lokführer den vorgedruckten Text ergänzt und dem Fahrdienstleiter zur Kontrolle vorgelesen hat, darf der ICE seine Fahrt fortsetzen.

Nach weiteren 20 km erscheint im maschinentechnischen Display die Anzeige, dass es bei zwei 2 Fahrmotoren Probleme gibt. Lokführer Dirk S. schaltet die Motoren ab und setzt seine Fahrt fort. „Prima Kollege, alles gut erkannt“, schallt es durch die Wechselsprechanlage in den Führerstand. Wir beenden hier unsere Simulation und im Simulator entsteht kurzzeitig das Gefühl wie in einem Fahrstuhl der nach unten fährt. Das Licht in der Führerkabine geht an und es meldet sich noch mal die Stimme aus dem Lautsprecher und sagt: „Kollege, die Treppe ist dran, du kannst jetzt aussteigen“.

Nach fast 50 Minuten Fahrt sind wir jedoch keinen Kilometer weit gefahren. Hier im Simulatorzentrum von DB Training in Fulda werden täglich viele solcher Überwachungsfahrten auf verschiedenen Baureihen ausgeführt. Jeder Lokführer der DB AG muss einmal pro Jahr im Rahmen einer Überwachungsfahrt in einem Simulator sein Können unter Beweis stellen. Insgesamt stehen 17 unterschiedliche Simulatoren an 11 verschiedenen Standorten zu Schulungs- und Überwachungsfahrten bereit. Jede dieser Simulationsfahrten wird von einem Instruktor durchgeführt, der pädagogisch geschult und nach EN 17024 als Prüfer zertifiziert ist. Selbstverständlich muss er auch aktiver Lokführer sein.

ICE Simulator Cockpit des Deutschen Bahn ICE Training SimulatorAlle Hebel- und Schalterbewegungen während einer Fahrt werden mit einem Computerprogramm protokolliert. So ist es möglich, dass im Rahmen einer Nachbesprechung Bedienhandlungen nachvollzogen und optimiert werden können.

Rund 50.000 Schulungsstunden sind für das Jahr 2011 an den 11 Standorten in Deutschland geplant. Rund 1,8 Millionen Euro kostet ein Simulator mit Steuereinheit. Der Führerstand entspricht genau dem Originalfahrzeug. Außer den Überwachungsfahrten können auch baureihenbezogene Schulungen durchgeführt werden.

Die Anwärter für den Beruf des Triebfahrzeugführers kommen im Rahmen ihrer Ausbildung auf den Simulator und absolvieren hier 3 Trainingstage. Mehr Zeit dagegen verbringen Triebfahrzeugführer während einer Fahrzeugschulung auf dem Simulator. Rund 20 Stunden sind es beispielsweise im Verlauf der 14-tägigen ICE-Ausbildung. Hier werden im Laufe der Schulung technische Störungen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad eingestellt und ihre Beseitigung geübt. Quasi ganz nebenbei ergibt sich ein Stressfaktor wie er auch im Planeinsatz entstehen würde. Für die Steuerung und Bewegung des Simulators sind drei Hochleistungs-PC´s erforderlich. Zusammen mit dem Bewegungssystem und etwa 2700 km realer Strecken ergibt sich eine vielfältige und abwechslungsreiche Trainingsmöglichkeit. Die Simulatorkabine wird über elektrisch angetriebene Spindeln bewegt und verfügt zusätzlich über eine pneumatische Dämpfung. Dieses aufwändige Bewegungssystem macht auch die Fahrt über Weichen, Schienenstöße und Geschwindigkeitsänderungen sofort spürbar. Quasi das Tüpfelchen auf dem “i“ sind die wirklichkeitsnahen Fahrgeräusche, die während der Simulation im Führerraum zu hören sind.

Immer häufiger zeigen auch private Bahnunternehmen und ausländische Bahnverwaltungen Interesse an dieser besonderen Form der Ausbildung und nutzen die Simulationszentren von DB Training. So sind französische, belgische, holländische, tschechische und österreichische Lokführer regelmäßig bei DB Training zu Gast, um auf ihre Einsätze im grenzüberschreitenden Verkehr nach Deutschland vorbereitet zu werden. Ob nun ICE oder Güterzug, Tag oder Nacht, Nebel, Schnee und Regen und natürlich alle denkbaren betrieblichen Situationen können in der Simulation realitätsnah dargestellt werden. Selbst die im Herbst oft tief stehende Sonne kann simuliert werden. Pro Woche werden circa 400 Lokführer an den 11 verschiedenen Standorten von DB Training trainiert. Das größte Simulatorzentrum seiner Art steht direkt am Bahnhof Fulda. Neben den ersten ICE – BR 401 und 402 und den neuesten Fahrzeugen der weißen Flotte – BR 403/406/411, stehen hier in Fulda auch Simulatoren der Baureihen 112/114, BR 423-426, sowie der BR 611/612.

Oft erhält die DB Anfragen von Eisenbahninteressierten, ob es nicht möglich wäre selber einmal im Führerstand des ICE mitzufahren. Dies ist natürlich nicht möglich, da sich der Lokführer während einer Fahrt voll und ganz auf seine Tätigkeit und die Strecke konzentrieren muss. Es gibt aber die Möglichkeit, dass man einmal im Monat im Rahmen einer Veranstaltung für Gäste in den Genuss der Simulatorfahrten in Fulda kommen kann.

Neben einer Betriebsbesichtigung in Fulda erhalten die Teilnehmer im Rahmen einer kleinen Schulung Kenntnisse über die Baureihen und die Technik der ICE-Züge, sowie einen Einblick in die Signale und Betriebsverfahren. Danach begeben sich die Teilnehmer in kleinen Gruppen mit einem Instruktor in den Simulator und „fahren“ dann den ICE selber. Ein unvergessliches Erlebnis für jeden Eisenbahnfan. Von außen, an den Mitschauplätzen, verfolgen die anderen Teilnehmer über Bildschirme auf diversen Kontrollemonitoren die Fahrt live mit.

Im Simulator befindet sich eine Kamera, von wo aus die Tätigkeiten beobachtet werden können. Es geht jedes Mal ein Raunen durch die Gruppe der Teilnehmer, wenn der Lokführer in spe mal wieder vergessen hat die Sifataste zu betätigen. Dieses Event kann über den Reiseanbieter AMEROPA Reisen GmbH gebucht werden. Informationen darüber gibt es auch im Internet unter: www.zug-simulator-event.de

Text: Andreas Moll, Birgit Krumenaker (DB Marketing-Kommunikation) Reymund Weitzel (DB-Training, Learning & Consulting)

Video-Bericht der Deutschen Bahn zum Trainings Bahn Simulator

 

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  1. Aktuelle Termine zu den DB Simulatoren finden Sie auf unserer Website

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  2. Ich Möchte einmal beim Simulator event Mitmachen und denn ICE fahren

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